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Gott unter den Kids
Jugendkirchen - Modewelle oder Gemeinden für die Zukunft?
Die Band ist gut drauf. Ein paar hundert Kids - Teenies und
angehende Twens - sind voll dabei. Die Augen zu, Kopf und Hände
erhoben, sie wachsen über sich hinaus. Begeisterung für
Jesus ist mit Händen zu greifen. Hinten in der früheren
Disco ist die Kaffee-Bar offen. Noch weiter hinten 4 oder 5 Computer,
bereit zum Surfen auf der homepage der Church. Oben eine riesige
Empore, aber nicht mit Stühlen, sondern mit Sitzecken und Clubsofas.
Ueberall Kids mit dem Coke-Becher oder einem Kaffee in der Hand:
am Beten, am Plaudern, am Diskutieren oder am Meditieren. So gesehen
in Sheffield.
5-6 Teenies im McDonalds. Neben dem Milkshake ein ungewohnter Anblick:
offene Bibeln, z.T. leicht fettverschmiert. Lachen, dann wieder
etwas ratlose Gesichter, offensichtlich eine ernsthafte Diskussion.
Nach einer Dreiviertelstunde packen die Kids ihre Schultaschen,
zahlen und verschwinden in verschiedene Richtungen. So gesehen in
Djakarta.
2 Szenen einer Szene, die vielen neu ist und die doch zum Lebendigsten
und Spannendsten gehört, was heutzutage unter "Kirche"
läuft: Jugendkirchen, besser "Kirchen in der Jugendkultur".
Was ist das, worum geht es, was wollen sie?
Die globale Kultur
Zur Zeit Jesu gab es eine länderübergreifende griechisch-römische
Kultur, Verkehrswege und Kommunikationsmittel; die Zeit "war
erfüllt", und das Evangelium konnte nicht zuletzt dank
dieser Grosskultur die damalige Welt sehr rasch durchdringen. Heute
stehen wir vor der gleichen Situation.
Bereits beginnend mit der Rock´n Roll-Revolution, gefördert
durch Hollywood und voll ausgebildet in der Internet-Kultur der
90er, hat sich eine globale Jugendkultur entwickelt, getragen von
den 4 Säulen Musik, Film, Internet und Kommerz. Kids in Zürich,
Bombay, Santiago, Los Angeles oder Jakarta haben untereinander mehr
gemeinsam als daheim mit ihren Eltern: sie hören die gleiche
Musik, konsumieren MTV, tragen die gleichen Klamotten und sehen
die gleichen Filme - wenn nicht im Kino, dann auf DVD. Sie lassen
sich nicht in ein Programm zwängen - "hang out" mit
ihren Freunden ist die Hauptbeschäftigung in ihrer Freizeit.
50% der Weltbevölkerung ist unter 25 Jahren alt. Hier ist wahrscheinlich
die grösste "unerreichte Volksgruppe" der Welt -
mit dem Unterschied, dass sie nicht in irgendeinem fernen Land zu
finden ist, sondern bereits die Gegenwart und ganz sicher die Zukunft
unserer Gesellschaft darstellt.
Hellhörige christliche Leiter haben gemerkt, dass es nicht
möglich ist, diese Kultur mit herkömmlichen Gemeinden
- auch nicht mit dem fetzigsten Jugendgruppen-Programm oder mit
Top-Angeboten wie Konzerte usw. - zu erreichen und haben angefangen,
junge Menschen selbst freizusetzen und auszusenden, um Gemeinden
in diese Kultur hinein zu gründen. "New Generation Churches"
in Schweden, "Tribal Gathering" in England, die "Jesus
Revolution" in Norwegen, aber auch das Rollorama in Thun, das
ICF in Zürich oder das Kraftwerk in Dresden sind Beispiele
von solchen zielgruppenorientierten Jugend-Gemeinden. Gleiche Bewegungen
entstehen auf allen Kontinenten - ein Beweis für die Lebendigkeit
der Gemeinde in allen Zeiten und Kulturen.
Die sanften Pioniere
Um es gleich vorweg zu nehmen: hier geht es nicht vor allem um
Angebote für fromme Jugendliche. Die meisten Jugendkirchen
sind an denen gar nicht so sehr interessiert, sondern verstehen
sich als "Vorstoss in die Jugendkultur" hinein. Während
die traditionelle Gemeinde häufig zu einem Instrument der Sammlung
von Christen wird, geht es den Jugendkirchen um die Sendung, um
die Erlösung ihrer "verlorenen Generation". Transkulturelle
Evangelisation praktisch - das ist die Existenzberechtigung der
Jugendkirchen.
Kultureller Umbruch?
Dabei geht es um mehr als nur einen neuen Stil, andere Musik oder
eine andere Sprache. Kenner der Szene weisen eindrücklich darauf
hin, dass wir mitten in einem kulturellen Umbruch stehen, der vielleicht
nur alle 500 Jahre geschieht. Der Übergang vom industriellen
zum Informationszeitalter, der tiefe Bruch von der Moderne zur Postmoderne
hat eine neue Kultur, neues Denken und Empfinden hervorgebracht,
und die Generation unserer Teenager ist die erste Generation, die
voll in dieser neuen Kultur aufgewachsen ist.
Karsten Wolff, Leiter des "KRAFTWERK", einer interkulturellen
Jugendgemeinde in Dresden, drückt das so aus: " Es geht
aus meiner Sicht gar nicht so sehr um Jugendkirche, sondern darum,
heute Gemeinde von morgen zu bauen und das geht nicht mit den Mitteln
und Methoden von gestern. Denn die Jugendlichen von heute sind in
5, spätestens 10 Jahren die Gesellschaft! Ich glaube, wir stehen
vor einem gewaltigen Paradigmenwechsel in Bezug auf Gemeindebau
und christlichem Lebensstil überhaupt."
Oder mit den Worten von Andrew Jones, einem Experten vor allem für
amerikanische New Generation Churches: "Es geht nicht vor allem
um den Gegensatz alt-jung - den gab es immer -, nicht einmal um
spezielle 'Kirchen für jungen Leute', sondern um 'Kirchen in
eine entstehende neue Kultur hinein' (Churches into an Emerging
Culture)" Selbst in den USA, wo Kirchen in der Regel bestenfalls
modern, kaum aber postmodern sind, sind in den letzten Jahren "zwischen
1000 und 5000" Kirchen für die neue Generation entstanden,
so Andrew Jones. So ist z.B. der ehemalige Jugendpastor der Willow
Creek Church in Chicago, Dieter Zander, ausgestiegen und nach San
Francisco gezogen, wo er eine kleine, beziehungsorientierte, alternative
Jugendkirche aufbaut.
Einige Beispiele
Im Mai 2000 trafen sich in Sheffield zum ersten Mal Leiter, Strategen
und Visionäre aus 20 Ländern auf 5 Kontinenten, um sich
ein Bild über das globale Phänomen "Jugendkirchen"
zu machen. Einige Beispiele aus dieser Konsultation und von meiner
Arbeit mit DAWN in Europa:
Tribal Generation, Sheffield (England)
Von aussen gesehen, ist St.Thomas in einem Aussenquartier der Industriestadt
Sheffield eine anglikanische Kirche wie tausende andere: dunkelgraubraune
Backsteine und ein kleiner Rasen drumrum. Aber die Gemeinde ist
etwas Besonderes: vor 20 Jahren fusionierten die örtliche Baptisten-
und die anglikanische Gemeinde. Durch manche Krisen und eine geistliche
Erweckung in Zusammenhang mit John Wimber in den 80ern wuchs das
Kombinat zu einer Heimat für viele hundert junge Menschen heran.
Als die Räume zu klein wurden, sah man sich in der Stadt um
und wurde im "Roxy", der grössten Diskothek mitten
in Sheffield fündig. Heute besuchen ca. 2.000 Menschen die
Gottesdienste im Roxy; die Gemeinde hat 18 weitere Ableger, sog.
Clusters, eine Gruppe von vier bis sechs neu entstandenen Zellen,
in Sheffield gegründet. Darüber hinaus breitet sich die
Bewegung "Tribal Generation" (in Anlehnung an die biblischen
"Stämme" und mit Anklängen an das keltische
Christentum) auf ganz England und Irland aus.
Die Haupt-Kanzel für Pastor Mike Breen - einen der drei Leiter
von St.Thomas - ist nicht aus Holz, sondern ein virtueller Raum.
Tribal Generation hat eine state-of-the-art - Internet-Site auf
die Beine gestellt, in der die regelmässige Lehre betrachtet
und abgerufen werden kann.
KRAFTWERK Dresden
Vor ein paar Jahren fing der Arzt und Seelsorger Karsten Wolff
an, mit ein paar Leuten - darunter ein Ex-Junkie und ein Rocker
- die Bibel zu studieren. Die Gruppe wuchs und bildete eine WG.
Aus diesen kleinen Anfängen wuchs KRAFTWERK - zuerst als "göttliche
Kneipe" und dann als Jugendkirche. Heute gehören etwa
80 Leute fest dazu, und 120 besuchen die Gottesdienste der Gemeinde.
Karsten Wolff: "In Dresden haben wir 25 verschiedene Jugendkulturen
identifiziert. Immerhin 12 davon sind in unserer Gemeinde vertreten
und finden einen Ausdruck." Das KRAFTWERK fällt immer
wieder durch spektakuläre Aktionen auf, u.a. durch einen "Jesus-Love-Convoi"
im Stile einer Love Parade, so eine Art sehr punkiger "March
for Jesus".
Jesus Revolution, Norwegen
Er war erfolgreicher Jugendpastor der grössten Gemeinde von
Oslo, dachte aber immer mehr in grösseren Dimensionen. Im August
1997 liess Stefan Christiansen sich freistellen und gründete
mit seiner Frau Anne die Jesus Revolution - eine Bewegung mit der
Vision, "eine Erweckung unter Jugendlichen in ganz Europa zu
sehen, indem wir eine grosse Armee von mutigen jungen Predigern
und Gemeindegründern mobilisieren". Heute ist die Jesus-Revolution
in 300 Schulen des Landes mit kleinen Aktionsgruppen vertreten,
mobilisiert jedes Jahr tausende von jungen Leuten zu Lagern und
Einsätzen und beginnt, eine europäische Gemeindegründungs-Strategie
umzusetzen. Mittlerweile (2002) hat Jesus Revolution bereits Gemeinden
in Marseille, Barcelona, Mailand und München gegründet.
Stefan Christiansen: "Die Jesus Revolution baut auf der Überzeugung
auf, dass junge Leute bereit sind, auf das Evangelium zu reagieren,
wenn es in einer Art gebracht wird, die sie verstehen"
Was kennzeichnet New Generation Churches?
Die Kirchen für eine Neue Generation bilden eine bunte, vielfältige
Szene. Sie entwickeln sich aus bestehenden Gemeinden heraus und
bleiben unter ihrem Dach (wie in Sheffield), bilden ganz neue eigenständige
Gemeinden (wie das Kraftwerk) oder entwickeln sich aus evangelistischen
Bewegungen wie die Jesus Revolution. Hinter diesen äusseren
Verschiedenheiten haben sie aber deutliche gemeinsame Kennzeichen.
Hier einige von ihnen:
1. Sie stellen Beziehungen über alles
Gemeinschaft, Zeit zusammen verbringen, dazugehören: die Kirche
ist ein Lebensstil, nicht eine Veranstaltung. Ein interessanter
Vergleich des Gemeinde-Verhaltens von drei Generationen lässt
sich anhand der drei Begriffe "behave (sich verhalten) - believe
(glauben) - belong (dazugehören)" aufzeigen.
Die "Builders", die Aufbau-Nachkriegsgeneration, lebte
vor allem nach dem Muster "behave - believe - belong":
benimm dich richtig, glaube das Richtige, dann gehörst du dazu.
Die "Boomers", die Generation der 60er und 70er, änderte
die Reihenfolge: "believe - belong - behave" bedeutet,
dass Glaubensinhalte und Visionen die erste Grundlage für Gemeinsamkeit
schaffen; das entsprechende Benehmen kommt am Schluss.
Die Generation der 80er und 90er (oft Generation X) genannt, lebt
eindeutig nach dem Muster "belong - believe - behave. Das Wichtigste
ist, dazuzugehören. Beziehungen gehen über alles. Der
Glaube wird nicht in Dogmen oder Inhalten, sondern fast durchgehend
als Beziehung verstanden und ausgedrückt - Beziehung zu Jesus
und eine enge Beziehung zueinander.
Hauskirchenartige Zellgruppen sind in der Regel die Basis der New
Generation Churches. Die meisten sind nach dem "Zweitaktmodell"
aufgebaut: Kleine Gruppen für die persönlichen Beziehungen,
grosses Happening für das eindrucksvolle Erlebnis in der Menge
mit Musik und Worship.
2. "Bringt die Kirche zu den Leuten und nicht zuerst die
Leute in die Kirche"
Statt in die Kirche einzuladen, gehen die New Generation Churches
in ihre Kultur hinein. Kampfsport, Tanz, Musik, Skating, Video -
egal, was Kids machen, die Christen sind dabei: in der Disco, im
Fitnesscenter,in der Kneipe oder im Mac. Karsten Wolff dazu: "Es
ist Zeit, dass wir aufhören, die Kultur um uns herum abzulehnen
und zu verteufeln. Es ist Zeit, dass wir in diese Kultur hineingehen
und sie erlösen von dem missbrauch, der Perversion und Selbstzerstörung.
Jesus kam nicht, um eine neue, "christliche (Sub-)Kultur"
zu schaffen, er lebte mitten in der Kultur seiner Zeit, unter den
Prostituierten, den Dieben, den Aussätzigen, den Randgruppen....
Jesus kam, um die Menschen samt der Kultur, in der sie leben, von
dem zu erlösen, was sie kaputtmacht"
3. Sie arbeiten internetional
Nein, das ist kein Druckfehler. Die Visionen und Ziele der Leiter
solcher Kirchen sind in der Regel international. Stefan Christiansen
von der Jesus Revolution denkt in europäischen Dimensionen.
Magnus Persson aus Schweden arbeitet an der Vision, ein christliches
24-Std.-Jugendzentrum in jeder europäischen Stadt aufzubauen.
Sal de Terra, eine Jugendkirche aus Brasilien, sendet Mitarbeiter
nach England. Karsten Wolff aus Dresden umreisst seine Ziele: "Unsere
beiden Schwerpunkte hier als KRAFTWERK in Dresden sind zum einen
ein stabiles, funktionierendes Modell für "Gemeinde in
der Jugendkultur" vor Ort zu bauen. Zum anderen wollen wir
eine Bewegung von Gemeindegründungen in die Jugendkultur hinein
in ganz Deutschland und Europa auslösen und vernetzen"
Im "Interface" sind etwa 35 Gruppen aus Deutschland, England
und der Schweiz in einem Netzwerk zusammengefasst.
Netzwerk statt Hierarchie - das ist der Stil der Zusammenarbeit.
Teamwork, "einfach mal probieren", organisches Denken,
"keine Angst vor Chaos", "Praxis vor Theorie",
"just do it" - dieses Wertemuster kennzeichnet z.B. auch
Jungunternehmer und ist ein Markenzeichen der Neuen Generation.
Das Internet spielt eine entscheidende Rolle in der Ausbreitung
von Jugendkirchen und -bewegungen, nur vergleichbar mit dem Zusammentreffen
der Reformation und des Buchdrucks. So hat sich das 24-7-Stunden-Gebet
vor allem dank des Internets in ein paar Monaten zu einem gesamteuropäischen
Phänomen entwickelt (www.24-7prayer.com). Die homepage, das
virtuelle Herz von St.Thomas in Sheffield habe ich oben bereits
beschrieben. Mike Breene: "Die Teenies von heute betrachten
das Internet als ihr Eigentum. Es ist ihre Welt". Darum betont
er: "Diese Site gehört euch. www.tribalgeneration.com
ist ein Ort, wo neue Bewegungen ihre Dienste anbieten und Christen
einander und vor allem Nichtchristen kennenlernen können".
4. Jüngerschaft und Aktivierung sind zentral
Jugendkirchen wollen keine Konsum-Angebote sein. Magnus Persson
aus Schweden ist überzeugt: "Wenn wir Jugendlichen heute
ein Konzert oder sonst ein Top-Angebot bieten, wird das in kürzester
Zeit out sein. Nach ein, zwei Mal kommen die Leute nicht mehr. Wenn
wir aber eine Kirche mit ihnen bauen, die "ihre" Kirche
ist, engagieren wir sie dauerhaft." Statt blosser Lehre liegen
die Akzente eher auf Jüngerschaft, nach dem Muster "I
do you watch - I do you help - You do I help - You do I watch".
5. Radikalität
Der innerste Kern der New Generation Churches ist sicher die Radikalität
ihrer Vision. Sie reicht tief in ihre Seele, weil sie Ausdrucksweisen
ihrer Generation benutzen, verbunden mit einem starken Gefühl
des "Dazugehörens". Noch einmal Karsten Wolff: "Die
'Gemeinde in der Jugendkultur' ist keine neue Modewelle auf dem
christlichen Markt. Sondern der radikale Versuch, vor allem jungen
Leuten das Angebot der Liebe Gottes in einer für sie verstehbaren,
relevangen Art und Weise zu vermitteln. Der Versuch, den Kern der
christlichen Botschaft wieder ins zentrum zu rücken: es geht
eben nicht um christliche Veranstaltungen, Gebäude, Zugehörigkeit
zu einer bestimmten Konfession, Musikstil, Kleiderordnung, lange
Haare, kurze haare, gefärbte Haare, keine Haare, Ohr und Nasenringe
rein oder raus oder sonst was für Äusserlichkeiten: es
geht um Beziehung, Beziehung zu Gott, der uns geschaffen und einen
guten Plan für unser Leben hat. Mit einem Satz ausgedrückt.
'Gott hat uns geschaffen, wir haben´s versaut, durch Jesus
bekommen wir eine neue Chance.' Dies ist die wichtigste Message
im ganzen Universum und wir dürfen sie nicht mit ihrer Verpackung
verwechseln."
Kommentar
Perspektiven und ein Traum
New Generation Churches fordern das etablierte Christentum
landes- und freikirchlicher Prägung heraus. Sie machen ernst
mit der Sendung in ihre Gesellschaft, versuchen den kulturellen
Graben zu überwinden und sind darum eine erfrischende Alternative
in der Gemeindeszene.
Zunehmend bekommen auch Kinder christlicher Eltern immer mehr mit
den traditionellen Jugendgruppen Mühe - sie spüren instinktiv,
dass zwischen ihrer Erlebnis- und der Gemeindewelt ein grosser Graben
klafft. Natürlich hat es schon immer Jugend-Aufbrüche
gegeben und wird es sie auch immer wieder geben. Jedes Jahrzehnt
des 20. Jahrhunderts hat wahrscheinlich seine kleinen Erweckungen
unter jungen Leuten erlebt, immer verbunden mit einer gesunden Radikalität
und auch nicht spannungsfrei zur älteren Generation. Warum
heute also eigene Jugendkirchen - reicht es nicht, das Angebot bestehender
Gemeinden zu erweitern, verbessern, modernisieren, aktualisieren?
Die Gründe sind einfach:
Zum einen gibt es bei uns in Europa nicht annähernd genug Gemeinden.
Die Aufgabe, ein Volk "zu Jüngern zu machen" kann
man sicher verschieden definieren; Tatsache ist aber, dass man bei
2-5% lebendigen Christen und ihrer völligen gesellschaftlichen
Marginalisierung kaum von einer Erfüllung des Missionsbefehls
reden kann. Einfach gesagt: es braucht massenhaft neue Gemeinden
in jeden geographischen und sozialen Bereich unserer europäischen
Gesellschaft hinein. Da gibt's nichts dran zu rütteln.
Der andere Grund ist, dass seit knapp 50 Jahren - im Gegensatz zu
früheren Generationen - Jugendliche eine völlige eigene
Kultur leben. Ich habe es vor ein paar Tagen mit Schrecken gemerkt,
dass ich - als noch nicht 50Jähriger - mit Jugendlichen ausserhalb
meiner Familie praktisch nicht rede. Wir leben einfach in getrennten
Welten, sprechen eine andere Sprache, denken anders und sind wahrscheinlich
froh, wenn wir einander in Ruhe lassen können. Gelegentliche
Begegnungen sind meistens voll Spannung. Waren Jugendliche früher
"kleine Menschen", haben sie heute praktisch alle Privilegien,
haben Geld, haben mehr Handys als Erwachsene - vermute ich mal -
, reisen allein in der Welt rum, kurz, sind eine vollgültige
eigene Kultur. Eine Kultur, die sich global untereinander verständigen
kann (vor allem auf englisch), aber kaum mit Leuten redet, die 10
oder 20 Jahre älter sind. Für diese Kultur braucht es
genauso eigene Gemeinden wie für Ausländer in unserem
Land.
Das ist aber nur die eine Hälfte der Wahrheit. Es ist
genauso wahr, dass sie Väter, Mütter, Grossväter
und Grossmütter brauchen (letztere suchen sie vielleicht noch
eher - mit den willensbetonten Boomers, meiner Generation also,
können sie oft weniger anfangen als mit lieben "Grosseltern")
Sie brauchen Ermutiger, wenn der Alltag ihrer fetzigen Gemeinde
einmal sehr trocken und ermüdend wird. In den Jugendkirchen,
die ich kennengelernt habe, waren immer auch ein paar junggebliebene
Grufties da, die eine grosse Liebe für die Kids hatten und
von ihnen heiss geliebt wurden.
Die Frage an miene Generation, vor allem an Leiter bleibt:
haben wir den Mut, junge Leute freizusetzen, auch wenn sie herkömmliche
Strukturen von Gemeinden und Denominationen sprengen? Haben wir
das Vertrauen, dass Jesus mit ihnen zusammen Gemeinden bauen kann?
Haben wir die Demut, "zurückzutreten" und Gott zu
glauben, dass Er mit sehr jungen Leuten sein Reich bauen kann? Wenn
ich mich recht erinnere, hat das einer vor 2000 Jahren auch schon
mal gemacht, damals in Galiläa....
Ich habe den Traum, dass sich 5 oder 8 Gemeinden einer Allianz zusammentun,
ihre besten Leiter im Alter von 18-30 Jahren freisetzen, ihnen 50.000
Euros Startkapital in die Hände drücken und sagen: Wir
möchten, dass ihr in unserer Stadt eine Kirche für die
neue Generation baut. Wir beten für euch, geben euch geistliche
Rückendeckung und sind mit Rat da, aber wir reden euch nicht
drein. Wir setzen euch frei, ihr dürft Fehler machen, wir stehen
für euch vor den Behörden gerade - aber um Gottes willen
tut etwas!
Wäre so etwas nicht fantastisch? Ich habe das heimliche Gefühl,
dass ein solcher Schritt ein Riesen-Segen für alle etablierten
Gemeinden sein könnte. Indem sie nämlich entdecken, wie
eine Gemeinde, die für eine kommende Kultur relevant ist, aussieht.
Menschen werden in den nächsten Jahren ziemlich anders denken
und kommunizieren, werden andere Werte haben und neue Lebensmuster
entwickeln. Jugendkirchen mögen heute noch wie eine Zukunftswerkstatt
aussehen. In 10 oder 20 Jahren wird ihre Kultur die Norm sein.
Reinhold Scharnowski, 2001
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Die Teilnehmer des interface-Netzwerkes:
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- Kraftwerk Dresden
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- Gruppen von Pioneers und New Generation Ministries, England
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