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Warum ich nicht um Erweckung bete
Beten um Erweckung ist in. Predigen darüber auch. Prophezeien
noch mehr. Ich lebe in einer Region, in der seit Jahren verheissen
wird, dass "sie" kommt. Die Hoffnung tausender von Christen
ist auf "sie" gerichtet, und je gottloser und säkularer
die Gesellschaft wird, um so mehr erwarten wir von "ihr"
den grossen Durchbruch, der uns bisher verwehrt blieb.
Ich möchte es gerade zu Anfang mit aller Deutlichkeit sagen:
ich schreibe diesen Artikel nicht, weil ich dem Status Quo oder
der christlichen Bequemlichkeit das Wort reden, erst recht nicht
das Wirken des Heiligen Geist beargwöhnen würde, natürlich
am wenigsten, um eifrige Gläubige in ihrer Sehnsucht zu kritisieren.
Wenn "sie" kommen sollte, wäre ich der erste, der
- hoffentlich - mittendrin steckt und einen begeisterten Bericht
im REPORT schreibt (wenn ich dann Zeit dafür habe...) Wer mich
kennt, weiss das. Aber ich frage mich in den letzten Jahren zunehmend,
ob wir uns mit dem stürmischen Beten um Erweckung einen Gefallen
tun. Und auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer zu gelten, gleichzeitig
in der Hoffnung, biblischen Reichs-Gottes-Realismus zu fördern,
stelle ich hier mal etwas holzschnittartig dar, warum ich die Fixierung
auf Erweckung für bedenklich halte:
1. Weil wir in Christus alles haben - heute und nicht erst morgen
Das ist mein Hauptgrund. Die ständige Bitte um Erweckung trübt
uns leicht den Blick dafür, dass wir in Christus mit allem
geistlichen Segen gesegnet sind, und zwar heute. Die Gemeinden des
Neuen Testamentes hatten einen Haufen Probleme und Defizite, aber
sie waren für Paulus "Heilige und Geliebte", auserwählt,
vorherbestimmt, erlöst, beschenkt, erfüllt, versiegelt,
mitauferweckt und mitversetzt (nach Eph.). Selbst die chaotische
Gemeinde in Korinth hat "keinen Mangel an irgendeiner Gnadengabe".
Das sind gegenwärtige Tatsachen, die uns zu neuem Handeln und
zur Veränderung befähigen. Die Fixierung auf Erweckung
trübt gern den Blick dafür und verlegt alle Hoffnungen
auf ein erwecktes Morgen bzw. "irgendwann" (denn keiner
weiss ja, wann Erweckung kommt). Wir haben aber alle Fülle
in Jesus. Natürlich müssen wir uns diese Fülle wachstümlich
aneignen - und zwar immer wieder. Aber es ist nicht so, dass Gott
einen Teil seiner Segnungen zurückgehalten hätte und quasi
die volle Fülle erst gibt, wenn Erweckung da ist.
Neue Gesetzlichkeit?
Verbunden damit ist gern eine versteckte Neue Gesetzlichkeit, eine
wenn-dann-Vorstellung: "wenn wir genug beten, wenn
wir alle unsere Sünden bekennen und sein lassen, wenn wir völlig
eins sind.... dann kann Gott Erweckung schenken." Peter
Aschoff beschreibt seine eigene Erfahrung, die mit meiner fast identisch
ist:" Meine erste intensive Begegnung mit dem Thema Erweckung
hatte ich vor 16 Jahren. Ich vertiefte mich in Bücher von Charles
Finney und anderen, und in meiner Naivität dachte ich, wenn
wir in unserer Jugendgruppe nur genug beten und unsere Sünden
alle gründlich bekennen würden, könnten wir damit
eine Erweckung auslösen. Also setzte ich alles daran, die Gruppe
zu mobilisieren: Mal ein bisschen gesetzlichen Druck, mal ein bisschen
Winken mit dem möglichen Erfolg, mal den Appell an die Sehnsucht
nach Gott, die die meisten hatten. Es war und blieb eine staubtrockene
Angelegenheit. Am Ende waren alle müde und desillusioniert.
Gewissensbisse traten auf: Hatten wir nicht durchgehalten? Waren
vielleicht Sünden unbekannt geblieben? Hatten einzelne die
Sache blockiert, weil sie nicht engagiert genug mitgezogen hatten?"
(Peter Aschoff, "Erweckungsfieber", Aufatmen 1/01)
Das Ganze läuft auf die Vorstellung hinaus: "weil wir
nicht so sind, wie wir sollten, kann Gott nicht segnen." Das
kann ein im Grunde heidnischer Gedanke sein, der die Gnade verdunkelt
- eben dass wir in Christus alles haben, ohne Verdienst und Vorleistung.
2. Weil das Evangelium seine Kraft in den unchristlichsten Gesellschaften
entfaltet
Erweckung bedeutet für viele die Bitte darum, dass sich Tausende
von Menschen bekehren - übrigens eine falsche Vorstellung.
Was wir Erweckung nennen, war immer zuerst "Erneuerung der
Christen" auf eine tiefe, radikale Art - mit der Folge, dass
ihr Zeugnis eine neue Kraft bekam, die geistliche Atmosphäre
verändert wurde und dann Menschen in grösseren Mengen
zum Glauben kamen. Heute - vor allem bei uns in der "einstmals
christlichen Schweiz" meine ich aus vielen Gebeten um Erweckung
herauszuhören: "Herr, wehre doch der Ent-Christlichung
und mach unser Land wieder christlicher". Das ist fromme Nostalgie.
Schlimmer noch: es schiebt die Schuld für die Säkularisierung
der Gesellschaft den Christen in die Schuhe, nach dem Muster "wir
haben versagt, darum geht die Welt zum Teufel, und darum können
wir auch nicht mehr viel tun". Diesen Teufels-Kreis könne
nur "Erweckung" aufbrechen. Was hier übersehen wird,
ist die Tatsache, dass sich der natürliche Mensch immer von
Gott weg entwickelt, dass das Reich Gottes aber angebrochen und
dauernd am Anbrechen ist - und dass das Evangelium oft in den heidnischsten
Gesellschaften seine grösste Sprengkraft entwickelt - nicht
immer mit Tausenden von Bekehrten, aber mit kleinen, alternativen
Zellen. Mit einer neuen Lebensart.
3. Weil Erweckung für viele eine magische Vorstellung ist ....
Erweckung heisst für viele: Gott muss senkrecht von oben eingreifen.
Man hat das Gefühl: "wenn Gott nicht handelt, dann können
wir machen, was wir wollen, es geschieht ja nichts" - man ist
auf Erweckung fixiert wie die Schlange aufs Kaninchen. Aber vieles
geschieht halt nicht "senkrecht von oben", sondern wachstümlich.
Manche Menschen, die viel von Erweckung reden, neigen dazu, alle
kleinen Schritte, nötigen Korrekturen, vor allem aber neue
Strukturen als "ungeistlich" und "menschlich gemacht"
anzusehen. Ihren Vorstellungen liegt letztlich ein platonisches
Verständnis vom Wirken Gottes zugrunde: geistlich ist, was
Gott "direkt", eben senkrecht von oben, tut - Arbeit an
Strukturen, Planen, beharrlicher Gemeindebau und das Entwickeln
neuer Modelle sind dagegen "menschliche Bemühung"
und damit - oft unausgesprochen - eben nicht so wertvoll, wenn nicht
gar ungeistlich.
4. ... in die jeder hineinlegt, was er gern hätte
Gebet entwickelt Kraft, wenn zwei oder mehr Christen "eins
werden, um was sie bitten wollen". Das Wort "Erweckung"
bewirkt aber genau das oft nicht: es ist fast ein postmodernes Schlagwort,
ein Nebelbegriff, in den jeder sein Verständnis und seine Sehnsüchte
hineinlegt, weil keiner so recht weiss, was man sich unter Erweckung
nur vorstellen soll,
Was für eine Art christlicher Gesellschaft stellen wir uns
eigentlich vor, wenn wir um Erweckung - oder Erweckung 2, genannt
"Transformation" - beten? Welche Art von christlicher
Gesellschaft stellen wir uns vor? Peter Aschoff stellt die gleiche
Frage:
"Wir müssen uns daher schon jetzt fragen: Wollen wir
also ein fundamentalistisches Law-and-order-Christentum, das vermeintlich
christliche Werte per staatlicher Dominanz durchgesetzt? Das auch
vor einer mehr oder weniger sanften Einschüchterung der Spötter
und Kritiker nicht haltmacht? ... Eine Klerikalisierung der Gesellschaft,
die den Islam mit dessen eigenen Waffen zu schlagen versucht - der
Repression?
Oder lassen wir es zu, dass sich Machtphantasien oder unterdrückte
Minderwertigkeitsgefühle in triumphalistische Visionen umsetzen?
Eine Vision, in der sich die fromme Subkultur zum gesellschaftlichen
Machtfaktor ausdehnt? ... Heben wir - wie in Amerika - wenigstens
äußerlich die Sexualmoral, während die sozial Benachteiligten
zwar Almosen, aber keine Chancengleichheit bekommen und Ökologie
aus Kostengründen gestrichen wird?
Oder träumen wir weiter von Erweckung als dem Schlaraffenland,
wo alles von selbst geht? Wo einem Nichtchristen aus unerfindlichen
Gründen die Kirchentüren einrennen, um sich bekehren zu
dürfen, ohne dass wir unserer Gemeinde-Egozentrik eine Absage
erteilen müssen? Wo wir uns langwierige Lern- und Wachstumsprozesse
schenken können, weil der Erfolg alles gnädig verdeckt?
Wo all unsere geistlichen Probleme wundersam behoben werden?"
5. Weil es gern blind macht für das, was Gott dauernd tut
Erweckung ist ja kein biblischer Begriff, sondern eine kirchengeschichtliche
Erscheinung der letzten Jahrhunderte, die ihren Sitz im Leben, in
der damaligen Gesellschaft, auch in geistesgeschichtlichen Perioden
hatte. Wenn wir uns an solchen Ereignissen orientieren, übersehen
wir leicht, was der Heilige Geist heute - dauernd und mitten unter
uns - tut. Das Gebet um Erweckung kann einem die Freude am Heil
und an der Gemeinde verdunkeln; es ist gern ein Herumreiten auf
unseren Defiziten, geht von der Vorstellung aus, dass wir "tief
im Minus" sind und nicht gehorsame Schritte, sondern nur übernatürliches
Eingreifen von oben uns da raus bringt. Es kann darum letztlich
passiv machen!
Ich sehe im NT ein anderes Muster: die Gemeinde war immer eine höchst
unvollkommene Sache, ein menschlich-göttlicher Mix, was Jesus
aber nicht hinderte, sie als Salz und Licht zu bezeichnen. Korrekturen
sind dauernd nötig. Wir haben es noch nicht ergriffen, jagen
ihm aber nach. Aber: was ist Gott Grosses am tun - hier, heute,
in Europa und in der Schweiz! Wie viel Veränderung und Einheit
hat der Heilige Geist in den letzten Jahren in unserem Land geschenkt!
Das lesen wir in der Regel nicht im Blick, aber wir müssen
es im Blick haben, sonst ehren wir Gott nicht und sind undankbar.
6. Weil nötige Schritte heute so gern vertagt werden
Die alten Schläuche, genannt "Gemeinde", brauchen
heute dringend Ergänzung durch neue. Neue Strukturen, schlanker
und effektiver sind nötig. Klare Leiterschaft, die nicht bevormundet,
sondern freisetzt, muss neu definiert werden. Wir brauchen - gerade
in der postmodernen, spirituellen Herausforderung - mehr Qualität
im Gemeindebau, regionale Vernetzung und den Mut zu Visionen. Und
an der Basis gilt es, mit Geduld und Beharrlichkeit das Reich Gottes
zu bauen, nicht nur auf neuesten Wellen zu reiten, mit der Führung
des Heiligen Geistes bis in Details zu rechnen - und bei alle dem
das Feiern nicht zu vergessen. Wenn das alles geschieht und man
dann noch um Erweckung und Erneuerung betet - wohlan. Es darf aber
nicht den Blick dafür schwächen, was man anpacken, ändern
und wo man konkret gehorsam sein müsste. Geben wir es zu: manches
Gebet um Erweckung kommt aus einer Ungeduld, die die Gesetze jahrelanger
Arbeit, von Säen, Reifen und Frucht nicht mehr akzeptieren
will und nach dem Motto "ich will alles und zwar sofort"
eher ein Ausdruck pubertärer Instant-Erwartungen als wirklicher
Glaube ist.
7. Weil es das Reich Gottes verdrängt
Das Reich Gottes ist eine umfassende Grösse - komplex, multi-dimensional,
wachsend vom Kleinen ins Grosse und immer gleichzeitig schon da
und noch nicht da. Es geht um eine neue Weltordnung, nicht nur um
punktuellen Aufbruch.
Peter Aschoff schreibt: " Erweckung verdrängt das Thema
der Herrschaft Gottes oder des Reiches Gottes von der Tagesordnung.
Geschichtlich und kulturell bedingte Beispiele werden zum Maß
der Dinge - mit der Gefahr, dass wir die Orientierung an Jesus selbst
und seinem "Programm" verlieren. Am Ende werden unsere
Erweckungen, wenn sie denn kommen, weniger ganzheitlich, weniger
missionarisch, weniger menschenfreundlich und weniger radikal sein
als Gottes neue Weltordnung, die Jesus verkündet hat. Langfristig
gedacht, können sie sogar kontraproduktiv wirken!"
Ora et labora
Wenn wir für Erweckung beten, müssen wir gleichzeitig
bereit sein, uns hier und heute einzusetzen und sehr wach die Impulse
Gottes in konkrete Schritte des Gehorsams umzusetzen. Wer wach ist,
ist "erweckt".
Ich komme gerade aus Norwegen zurück und habe dort ein Beispiel
kennen gelernt, wie ein Erweckungsimpuls zu langfristigem, umfassendem
Handeln geführt hat. In der Stadt Bergen (260.000 Einwohner)
wurden im Jahre 1994 mehrere Pastoren auf tiefe Art in Toronto von
Gott berührt, darunter auch Reidar Paulsen, Chefredaktor einer
grösseren Zeitschrift und seit fast 30 Jahren Gemeindeleiter.
Er verband sich mit einem anderen Pastor, Noralv Askeland, zu regelmässigem
Gebet; ihre Gemeinden begannen, sich einmal im Monat gemeinsam zu
treffen. Neue Gemeinden schlossen sich an, und heute sind es über
20 Gemeindeleiter, die sich verbündet haben und sich zu wöchentlichen
Gebetszeiten treffen. Pastoren wurden erfrischt und begannen, Schritte
aus ihrem Gemeinde-Getto heraus zu machen und aktiv das Wohl der
Stadt zu suchen. Das wird ganz konkret: hunderte von Gläubigen
aus diesen Gemeinden haben sich bereit erklärt, nach dem Modell
Ed Silvosos "Lighthouses of Prayer" zu sein, d.h. systematisch
und konkret für ihre Nachbarn oder Kollegen zu beten, sie zu
segnen, ihre Gemeinschaft zu suchen und ihnen das Evangelium zu
sagen. Es vergeht keine Woche, in der sich nicht mehrere Menschen
zu Christus bekehren. Die Atmosphäre in der Stadt hat sich
merklich verändert. Die Christen treffen sich regelmässig
zu stadtweiten Celebrations, Proklamationen und prophetisch-sozialen
Aktivitäten - erweckliches Leben breitet sich aus.
Wenn wir so handeln, als wenn das Wachstum des Reiches Gottes
von unserem Einsatz abhinge, wenn wir unsere Strukturen entschlacken
und uns auf tausende von Bekehrungen vorbereiten und wenn wir alles
tun, dass sich das Volk Gottes seiner Hauptaufgabe widmet - dann
können wir um Erweckung beten, weil wir wissen, dass der entscheidende
Segen von Gott abhängt.
Reinhold Scharnowski / 2002
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