Gemeinde im Sturm
Nach den vielen
«Wellen» der vergangenen Jahre (Lobpreiswelle, Seelsorgewelle, dritte Welle,
prophetische Welle) scheint zurzeit eines der grossen Themen in unserer
Gemeindelandschaft «Veränderung» zu sein. Wobei «Veränderung» als nettes Wort
für «persönlichen Zerbruch» oder «Zusammenbruch gewohnter Verhältnisse» steht.
Es ist – nebst
einzelnen Ausnahmen – nicht zu übersehen: In vielen Gemeinden und Werken
herrscht eher Umbruch als Aufbruch: Strukturen und Menschen, die sich nach der Meinung
vieler Gewohnheitschristen gar nicht bewegen sollten, wanken bedrohlich. Ist
das «Schiff, das sich Gemeinde nennt», daran, in ernste Seenot zu geraten?
Andrea-Giorgio Xandry
Burn
outs und stille Abschiede
Viele geistliche
Leiter sind ausgebrannt, müssen mehrmonatige «Sabbat-Zeiten» nehmen oder legen
schlicht ihre Ämter nieder, um sich neu zu orientieren. Gemeindeglieder – und
darunter befinden sich viele langjährige, treue Männer und Frauen – verlassen
die Gottesdienste und andere Dienste der Gemeinde. Dabei machen sie nicht
einmal jemandem Vorwürfe, bevor sie gehen. Sie gehen einfach. Bei Rückfragen
hört man oft folgende Gründe: Neuorientierung suchen, Echtes im persönlichen
Glaubensleben erfahren wollen, oder man möchte einmal ohne Gewohnheiten (oder
«Zwänge») der Gemeinschaft auskommen. Manche gehen und zeigen nur ein hilfloses
Lächeln beim Abschied. Sie lassen durchblicken, dass für ihr Abgang keine
«richtigen» Gründe vorliegen und sie der Gemeinde alles Gute wünschen. So sieht
es vielerorts aus. Warum passiert dies? Dies fragen sich viele, solche, die
bleiben – und solche, die gehen.
Ist
Paulus’ vierte Reise ein Gleichnis dazu?
Im Beten und
Nachdenken über diese Entwicklungen bin ich im letzten Jahr auf die letzte
Reise des Paulus von Jerusalem nach Rom gestossen, aufgezeichnet in Apostelgeschichte
27 und 28. Die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Könnte es sein, dass
der Heilige Geist in diesem aussergewöhnlichen Bericht ein Wort an die Christen
richtet, die auf dem «Gemeindeschiff» unterwegs sind? Und wenn ja, was könnten,
müssten wir heute davon lernen?
Ein
Schiff, das sich Gemeinde nennt...
In welcher Weise
können wir die letzte Reise des Paulus als Gleichnis verstehen? Ich glaube,
dass sie ein Bild ist für den Weg Jesu mit seiner Gemeinde, der die Christen
von «Jerusalem» nach «Rom» führt; was von den Namen her bedeutet: von der
«Gründung» zur «hohen Stadt». Im Gleichnis sehen wir: Ein Teil der Wegstrecke
führt durch Wasser und wird von Christen üblicherweise auf einem Schiff, das
sich Gemeinde nennt, zurückgelegt. Gottes Plan sieht eine günstige
Streckenführung mit dem Anlaufen verschiedener Entwicklungsstationen an Land
und auf dem Wasser vor. Seinen Plan teilt er durch prophetische Geistesträger
(symbolisiert durch Paulus) auf dem Schiff mit und möchte so einen sicheren
Kurs bewirken. Die manövrierenden Seeleute an Bord missachten jedoch leider
häufig diese Art der Ratgebung. Sie bevorzugen eine Entscheidungsfindung, die
auf menschlicher Erfahrung und auf angeeignetem Wissen beruht. So geraten viele
(Gemeinde-) Schiffe auf dem Kurs nach Rom in den Sturm!
Was
tun, wenn es stürmt?
Mitten im Sturm ist
es notwendig, den bevorstehenden Schiffbruch als Korrektur Gottes zu verstehen.
Das Schiff wird sinken, jedoch möglichst nahe der Küste. Um einen Schiffbruch
auf hoher See zu verhindern, muss das Schiff jetzt leichter werden. Es ist Zeit
durch Abwerfen von Ladung und Geräten das sinkende Schiff dem rettenden Ufer zu
nähern. Es ist Zeit, sich von kräfteraubenden Diensten zu trennen. Es ist Zeit
für die Menschen an Bord, Gottes Wort (den Weizen) zu essen und sich zu
kräftigen. Um nicht zu ertrinken, müssen alle an Bord das letzte Stück bis ans
Ufer schwimmend zurücklegen, mit oder ohne Hilfsmittel. Für Schwimmer ist das
Leben im Vertrauen auf Gott und das Bewegen im Geist vertraut. Für
Nichtschwimmer ist dies vielleicht der erste Kontakt mit dem Wasser. Eins ist
sicher: Gott rettet alle Menschen vom Schiff! An den neuen Gestaden erwartet
sie zunächst Melite, das Honigland, wo süsse Träume von Vollmacht und
Gemeinschaft vielleicht vorübergehend wahr werden. Und auf dem dritten Schiff,
das endlich Italien erreicht, scheint man eine geläuterte Gemeinde zu finden.
Heute gilt es, aktuelle Prozesse verstehen und einordnen zu lernen. Das Ziel
des Weges Jesu mit der Gemeinde ist Rom, die hohe Stadt, das neue Jerusalem.
Dort findet die Schöpfung ihre Erfüllung!
Schwimmend
ans rettende Ufer
Auch im Reisebericht
des Paulus findet dieser geistliche Entwicklungsprozess des Einzelnen Ausdruck.
Als das zweite Schiff in Apostelgeschichte 27 zerbricht, müssen alle Menschen
von Bord an das rettende Ufer schwimmen. Glücklich, wer schwimmen kann, denn
das Wasser ist tief und sturmgepeitscht. Glücklich, wer schwimmen von
Schwimmlehrern (Gemeindeleitern) lernte, als die Lebensreise noch ruhiger
verlief. Die Nichtschwimmer sind sehr zu bedauern. Sie halten sich an
Schiffsteile geklammert – wohl in Todesangst. Jeder ist nun auf sich allein,
auf Gott gestellt. Jeder schwimmt alleine. Es ist also eine Entwicklung vom
Herdentier zum Individuum notwendig.
Schwimmen
lernen!
Schwimmen lernen ist
ein persönlicher, individueller Prozess. Jeder hat einen anderen, seinem Wesen
entsprechenden Schwimmstil im Sichtbaren. So auch im Geistlichen. Beim
Schwimmen überlassen wir unseren Körper, unser Leben dem Wasser, den Impulsen
Gottes. Wir suchen den Rhythmus, den Gleichklang mit ihm. Dies bedeutet ein Leben
im Jetzt, ohne langfristige religiöse Planungen, mit Flexibilität im
Alltäglichen. Insbesondere durch ein regelmässiges Wortstudium entdecken wir
das Wesen Gottes, lernen seine Gedanken verstehen, nehmen Ihn selbst in uns besser
wahr. Das bringt Vertrauen. Es hilft uns, mündig zu werden und gleichzeitig «zu
sein wie die Kinder»!
Lernen,
kindlich von Gott abhängig zu sein
Das heisst, sich auf
kindliche Art auf die uns neue Wirkungsart Gottes einzulassen. Kinder entdecken
mit Neugier, Unbekümmertheit, Freude und Staunen, wie sie sich Gott überlassen
können. Darüber hinaus reifen sie in der Gottesnähe zu Erwachsenen, die ihre
Lebenssituation mit dem (erneuerten) Denksinn (DIANOIA, Lukas 10, 27; Römer 12,
2) erfassen. Gott möchte Menschen lehren, sich nicht auf Hilfsmittel, sondern
ganz allein auf IHN zu verlassen. So gelangen die Gläubigen in persönlichen
Stürmen ans rettende Ufer, und die Gemeinde im Sturm gelangt an das Ziel ihrer
Reise.
Zum
Weiterstudieren
Die vollständige
Studie «Gemeinde im Sturm» (Vorwort von Jens Kaldewey) kann als Taschenbuch (90
Seiten, Fr. 15.–) erworben werden bei: xandry@bluewin.ch oder A. Xandry,
Rieterstrasse 33, CH-8002 Zürich, oder bei Breakthrough Publisher,
www.breakthrough.ch.
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